Aus dem Schatten in die Sonne: 2. Europäischer Pilztag (23/9/2017)

von Ben Schultheis
Groupe de recherche mycologique
Wissenschaftlicher Mitarbeiter
des Nationalmuseums für Naturgeschichte

Es ist zur Gewohnheit geworden, jeden Tag des Jahres einem Lebewesen, einer Idee, einer Problematik oder einer Vereinigung zu widmen, um auch denjenigen, die ansonsten ein einsames Leben im Schatten der Gesellschaft fristen, zumindest für einen kurzen Moment einen Platz an der Sonne zu besorgen und ihre Problematik der Öffentlichkeit vorzustellen. Der Europäische Pilztag ist der Begründerin und Herausgeberin einer bekannten deutschen Pilzzeitschrift „Der Tintling“ zu verdanken, der Naturfreundin Frau Karin Montag, die das Studium der Pilze zu ihrem Lebenswerk gemacht hat und mit dieser Initiative auf deren wichtige Rolle in der Natur hinweisen will.

Stilleben Thorn J.

Foto: J. Thorn

An diesem Ehrentag wollen wir die Gelegenheit ergreifen, ein geheimnisvolles Lebewesen vorzustellen, das scheinbar nirgends und dann plötzlich für kurze Zeit überall zu sehen ist, dessen Wertschätzung sich aus Unkenntnis im Allgemeinen auf genießbar oder ungenießbar beschränkt. Dabei sind wir zu jedem Moment von unsichtbaren Pilzsporen umgeben, ohne uns dessen bewusst zu sein. Pilze begleiten uns ein Leben lang, im Guten wie im Bösen. Ohne ihr Zutun wäre die Herstellung von Lebens- und Genussmitteln wie Brot, Käse, Wurst, Bier, Wein und andere nicht möglich. Auch Zitronensäure, die wir in vielfältiger Form täglich sowohl in Getränken als auch in Reinigungsmitteln benutzen, ist einem Schimmelpilz zu verdanken. Einerseits unterstützen uns eine Reihe von Pilzen in unserem täglichen Streben nach Gesundheit, anderseits belauern sie uns und unser Umfeld, um bei der geringsten Schwäche an Pflanze, Tier und Mensch erbarmungslos und hartnäckig auf zerstörerische Art und Weise einzugreifen.

Wir wollen uns aber hier auf diejenigen Pilze beschränken, die auch der Laie als solche erkennen kann, die in Hut und Stiel gegliedert sind. Das was wir als Pilz ansehen, ist nur die Frucht, die hervorgebracht wird, damit die Art sich weiter verbreiten kann, sozusagen der Apfel vom Baum, während die eigentliche „Pilzpflanze“, wissenschaftlich korrekt das Pilzmyzelium genannt, bestehend aus einem Geflecht einzelner, dicht verflochtener Fäden ihr ganzes Leben unsichtbar im Boden oder im Holz verborgen seinen vielfältigen Aufgaben nachgeht. Zwischendurch eine Preisfrage: welches ist das größte Lebewesen der Welt ? Weder Wal noch Elefant werden je eine Chance bekommen, den ersten Preis davonzutragen: der Gigant ist ein Pilz und trägt den Namen „Dunkler Hallimasch.“ Er wurde 1992 in Oregon (USA) entdeckt und nimmt eine Fläche von 900 Hektar ein, sein Alter wird auf 2400 Jahre und sein Gewicht auf 1000 Tonnen geschätzt.

Parasol Rechinger Ch.

Parasol Foto: Ch. Reckinger

Die Aufgaben der Pilze kann man grob gesehen in drei verschiedene Bereiche aufteilen. Ein Großteil von ihnen wächst an den feinen Wurzeln von Bäumen und Sträuchern in einem friedlichen Zusammenleben, das für beide von Nutzen ist. Es geschieht ein Austausch von Nährstoffen, die beiden allein nicht zugänglich wären, außerdem schützen die Pilze den Baum vor Schadstoffen, erhöhen seine Stresstoleranz und fördern sein Wachstum. Eigentlich schwer vorstellbar, dass ein stolzer Baum zu seinem Wohlbefinden auf ein solch unscheinbares Wesen angewiesen ist. Andere Pilzarten greifen geschwächte Bäume oder Pflanzen an, zerstören sie und überleben teilweise bis zur totalen Zersetzung. Andere Arten begnügen sich mit toten organischen Stoffen die sie zu natürlichem Dünger verarbeiten.

Auf Grund der wichtigen Rolle, die den Pilzen in der Natur zukommt, ist dies der Tag um die Politiker auf die Tatsache hinzuweisen, dass unser Pilzschutzgesetz, in dem nur eine bestimmte Zahl von Arten zum Sammeln freigegeben und zudem die erlaubte Menge auf ein Kilogramm pro Person beschränkt ist, keinen Sinn ergibt, wenn nicht zusätzlich die vielgestaltigen Lebensräume der Pilze geschützt werden.

Auch die Landwirtschaft sollte sich an diesem Tag Gedanken machen zu ihrem Umgang mit chemischen Substanzen, Pilze sind äußerst empfindlich gegenüber einer solchen Behandlung. Was ist mit unserem traditionellen Wiesenchampignon geschehen ? Lang ist es her, dass morgens in aller Frühe im Dunstnebel eilige Gestalten die Weiden durchkämmten und trotz aller Konkurrenz ein jeder auf seine Kosten kam. Er ist ein Opfer der chemischen Überdüngung geworden. Pilze können bereits mancherorts als biologische Mittel zur Bekämpfung Ihresgleichen benutzt werden. Großen Erfolg hat der Einsatz bestimmter Arten die bei einer Reihe von Kulturpflanzen zum Schutz gegen gefräßige Fadenwürmer eingesetzt werden, die sie mit Schlingen fangen und abtöten.

Tintenfischpilz Lommer

Tintenfischpilz Foto: M.Lommer

Dass verschiedene Pilze neben ihrer eigentlichen Lebensaufgabe sich zum Verzehr eignen, ist eine angenehme Nebenerscheinung. Damit Genuss aber nicht zum Verdruss wird, sind einige feste Regeln zu beachten. Es wäre eine Illusion, zu glauben, tödliche Pilzvergiftungen gehören der Vergangenheit an. Im Schnitt werden in unseren Nachbarländern pro Jahr 5-10 Todesfälle bekannt. Weil es keine Meldepflicht für solche Vorkommnisse gibt, können wir von einer hohen Dunkelziffer ausgehen. Dazu kommt, dass auch bei überstandenen, schweren Vergiftungen oft mit bleibenden Schäden an Leber oder Nieren zu rechnen ist. Es ist also auch der Tag um dem potenziellen Pilzsammler klar zu machen, dass die einzige Möglichkeit einen genießbaren Pilze von einem Giftpilz zu unterscheiden, darin besteht, jeden einzelnen Fruchtkörper auf Grund seiner typischen Merkmale kennen zu lernen. Alle diesbezüglichen im Volksmund kursierenden Sprüche, wie der Silberlöffel oder die Zwiebel, die durch Verfärbung das Vorhandensein von Giftpilzen anzeigen soll, oder der Hinweis, dass Pilze, die von Schnecken oder anderen Tieren angefressen werden, sich ebenfalls für den menschlichen Genuss eignen, sind gefährliche Mären.

Wer sich seine eigene Bestimmung dann zur Sicherheit noch von einer fachkundigen Person überprüfen lässt, ist fast auf der gewonnenen Seite.

An diesem Tag sollte auch den ehrenamtlichen Pilzberatern gedankt werden, die in unserem Gesundheitswesen eine äußerst wichtige Rolle spielen und die sich dessen oft selbst nicht bewusst sind. Dadurch dass sie unentgeltlich ihr Wissen, das sie sich autodidaktisch im Laufe der Jahre angeeignet haben, bei Pilzführungen und an regelmäßigen Beratungsabenden an eifrige und ahnungslose Sammler weitergeben, sind sie maßgeblich an der Verhütung von Pilzvergiftungen beteiligt.

Verschiedene Mitglieder des „Groupe de recherche mycologique“ haben der Notrufzentrale ihre Telefonnummer zur Verfügung gestellt, um bei Pilzvergiftungen beratend eingreifen zu können.

Zu diesem 2. Europäischen Pilztag am 23. September veranstaltet die Pilzgruppe eine Gratiswanderung und wird bemüht sein, alle Fragen zum Thema „Pilz“ zu beantworten. Der Treffpunkt ist um 14.30 Uhr auf dem P&R Parkplatz auf Kockelscheuer, in der Nähe des Weihers. Auf der Wanderung werden wir das Waldgebiet um die Brakeweieren herum durchstreifen. Zum Abschluss können die Teilnehmer die Ernte in einer kleinen Ausstellung begutachten und wir werden unser Möglichtest tun, die Funde mit Namen zu versehen. Wir freuen uns auf eine rege Teilnahme. Es ist keine Anmeldung erforderlich.

Unsere jährlichen Pilzberatungsabende finden statt auf Kockelscheuer im Hause der Natur ab 16. September bis zum 28. Oktober, samstags von 18 – 19.30 Uhr.

Literaturnachweis: Pailhès M., M. Garnier-Delcourt & Ch. Reckinger 2012 – Sur les traces des champignons comestibles et toxiques du Luxembourg. Administration de la Nature et des Forêts: 1-179.

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